Generation Ausgebeutet

Veröffentlicht auf von das-gestiefelte-maedchen

http://us.cdn2.123rf.com/168nwm/adam121/adam1211305/adam121130500859/19908572-junge-frau-mit-verbundenen-augen-einen-weg-suchen-sich-in-einer-menschenmenge.jpgDie Entscheidung ist gefallen. Dein Leben bricht wie ein Kartenhaus auf unebenen Grund zusammen. Es ist wieder soweit: Umziehen, Arbeiten, Leute kennen lernen, hoffentlich die ein oder andere Freundschaft schließen.


War es jemals anders? Das Leben davor, damals als du noch in der Schule warst, als du einfach leben konntest – heute kommt dir das wie ein wunderschöner Traum vor, eine tote Erinnerung.


Wie oft bist du in den letzten viereinhalb Jahren umgezogen? Elf Mal? Zwölf Mal? Du hast längst den Überblick verloren.


Und jetzt stehst du da, die Koffer halb gepackt, innerlich hast du dich schon von dem verabschiedet, was dir in den letzten 11 Monaten lieb und teuer geworden ist. Wieder wirst du aus deinem sozialen Umfeld gerissen, wieder stehst du ganz alleine da: Alleine in einer fremden Stadt, alleine an einem fremden Arbeitsplatz, alleine unter Fremden.


Von vorn anfangen. Du bist es so leid. Immer wieder musst du von vorn anfangen. Hat das denn nie ein Ende?


Mobil sein, nennt sich das. Das haben sie dir in der Schule und in der Uni so gepredigt. Das wollen die so. Die, das sind die, die die Welt bestimmen. Die Politik. Die Wirtschaft.


Du willst das nicht. Aber hat dich jemand nach deiner Meinung gefragt? Nein. Du hast nichts zu wollen. Du hast lediglich nach der Pfeife der anderen zu tanzen. Und wenn du dich wehrst? Wenn du „Nein“ sagst? Nein zu ständiger Flexibilität und Mobilität, zum ständigen Verrenken und Verbiegen, zum ständigen Gehorchen und Leisten? Nur zu, tu’s doch! Hinter dir tummeln sich haufenweise andere junge Leute, die nur allzu gern bereit sind, ihr Leben für die Karriere zu opfern.


Karriere. Ist das Karriere? Von früh bis spät zu ackern, Überstunden anzuhäufen wie Bischof Tebartz-van Elst die Millionen für seinen Protz-Bau – und das alles kostenlos? Die Politik nennt es Praktikum, eine feine Gelegenheit, Praxiserfahrung neben dem Studium (oder auch danach) zu sammeln.


Doch wie viel Praxiserfahrung ist genug? Wann ist Schluss mit der Sklaverei?


Das ist dein siebtes Praktikum? Mit dir kann man es ja machen.


Fünf Monate umsonst arbeiten? Andere reißen sich die Nägel aus für diese Stelle.


Du weißt nicht, wie du die Zeit finanzieren sollst? Ach komm‘, deine Eltern greifen dir doch sicherlich unter die Arme. Außerdem hast du ja in den Nächten und an den Wochenenden frei. Wie wäre es mit einem weiteren Nebenjob? Du hast doch erst zwei.


Du bist hochqualifiziert, verfügst über ein Einser-Abi und einen Einser-Bachelor-Abschluss, mehrjährige Auslandserfahrung, differenzierte Fremdsprachenkenntnisse, jahrelange Arbeitserfahrung, bist Studiengangbeste, höchst ambitioniert und wünschst dir nach all den Jahren, in denen du dir den Arsch aufgerissen hast, nicht mehr und nicht weniger als ein wenig Anerkennung in Form finanzieller Rendite? Bild dir ja nichts ein, Schätzchen! Solche von der Sorte wie dich gibt es haufenweise. Und wenn es dir hier nicht gefällt: Dann wander doch aus! Die Welt steht dir offen. Bis auf die Schweiz – die hat die Tore dicht gemacht.

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