Immer den Falschen
Mit den Männern und mir verhält es sich wie mit dem Magnetismus: Scheinbar unsichtbare Kräfte sind am Werk, die dafür sorgen, dass mich das männliche Geschlecht wie von Geisterhand anzieht. Blöd nur, dass mein Nordpol mit dem angezogenen männlichen Südpol so ganz und gar nicht zusammenpasst.
Fakt ist, ich habe ein Händchen für die falschen Männer.
Warum muss ich mich auch ausgerechnet Hals über Kopf in einen pathologisch Eifersüchtigen verlieben? In einen Wahnsinnigen, der nach Gollum-und-der-Ring-Art mir Hand- und Fußschellen anlegt und mich hinter Gitter wirft, um mich von der (Männer-)Welt abzuschirmen – damit ich nur Sein bin, sein Schatz, sein Eigen?
Und als wäre das nicht genug, suche ich mir bei nächster Gelegenheit einen möglicherweise unter Bindungsphobie leidenden, definitiv aber psychisch gestörten und emotional toten Mann aus, der sich selbst und mich belügt – weil er es nicht besser weiß. Der innerlich leer ist, zerfressen von dem, was einmal war und das er gelernt hat, zu verdrängen. Der von seinen Gefühlen abgeschirmt lebt, kein Gefühl von sich selbst hat und nur eine Rolle spielt; eine Rolle, die das Leben für ihn vorgesehen hat – das glaubt er jedenfalls. Und je länger er diese Rolle spielt, je länger er diese Fassade lebt, desto mehr verkümmert sein eigentliches Selbst. Und in diesem bestimmten Fall hatte es viele Jahre Zeit, abzustumpfen. Dieser Mann hat gelernt, sich gegen schmerzhafte Verletzungen im Gefühlsbereich zu schützen. Nein, er hat sich geradezu darauf professionalisiert, Gefühle vorbeugend zu unterdrücken, Gefühle mit einem Panzer zu umgeben. Übrig geblieben ist nichts außer einer inneren Leere. An der Stelle, an der das Selbst sein sollte, prangt ein riesengroßes schwarzes Loch.
Ich habe versucht, diese Leere zu kompensieren. Ich habe versucht, ihm Orientierung und Halt zu geben, in einer Welt, in der er sich verloren fühlt. Doch ich habe versagt. Das Tor zu seinen eigenen Gefühlen ist verschüttet. Er ist sich im Innersten fremd, hat keinen Zugang zu sich selbst. Es ist nicht so, als ob er rein gar keine Gefühle hätte. Aber diese Gefühle sind stumpf, sie sind arm, sie sind nicht „echt“. Selbst wenn er es wollte: Er kann gar nicht „mehr“ für mich empfinden. Denn die Voraussetzung dafür ist Selbstliebe – und die kennt er nicht.
Deshalb kann ich ihm verzeihen. Ich kann ihm verzeihen, dass er sich geirrt hat, dass es ganz anders war, als er dachte, dass er Gefühle vermutet hat, wo keine sind. Was ich aber nicht verzeihen kann, das ist sein Unwille, seinen Fehler einzugestehen, Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Dass er sich stattdessen hinter einer Wand aus Ziegelsteinen versteckt, so hoch wie die chinesische Mauer lang ist, und der weder mit dem Vorschlaghammer noch mit der Abrissbirne nachzukommen ist. Dass er sich von einem Freund, den ich dachte, zu kennen, in einen lethargischen Zombie, einen Fremden, verwandelt hat.
Das kann ich ihm nicht verzeihen. Niemals.