Geben und Empfangen
Es war eine Schnapsidee. Das war mir von Anfang an klar. In leuchtenden Großbuchstaben tanzten sie vor meinen Augen: Die Zweifel. In meinen Ohren dröhnten die Warnschreie. Nicht einmal meine Mutter fand ein Wort der Zuversicht und des Optimismus.
Ich habe sie alle ignoriert. Wollte nicht auf sie hören. Wollte daran glauben, dass es schon irgendwie funktioniert. Dass wir uns nur besser kennen lernen müssen. Dass wir Zeit brauchen. Dass alles gut wird.
So schnell, wie es begonnen hat, war es auch wieder vorbei. Übrig geblieben ist nichts außer Reue und Schmerz. Beides hätte ich mir getrost sparen können.
Statt das Offensichtliche einzusehen, habe ich mich an meine naiven Träume und Sehnsüchte geklammert. Habe mich mit aller Kraft festgebissen, wollte nicht loslassen. Ich wollte es so gerne:
Das Gefühl, gebraucht zu werden. Und selbst zu brauchen. Angekommen zu sein, nicht mehr zu suchen. Sich einem Menschen nach und nach vertraut zu machen. Sich leidenschaftlich für die Gefühle und Gedanken des anderen zu interessieren. Sich nach seinem Körper, seinem Lachen, seinen Gesten zu sehnen. Mit einem geliebten Menschen eins zu werden.
All das wollte ich. Und noch mehr. Und habe mich dabei selbst übernommen.
Es geht nicht darum, was man will. Es geht darum, wen man will. Weniger die Sache an sich, dieses wunderbare Gefühl des Verliebtseins steht im Vordergrund. Entscheidend für das Gelingen einer Partnerschaft ist die geliebte Person, der andere.
Damit eine Beziehung funktioniert, muss man den anderen wollen. Man muss bereit sein, ihm etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was man besitzt, etwas von seinem Leben zu geben. Geben meint dabei nicht Aufgeben. Es geht nicht darum, dass man mir etwas stehlen will, dass ich zum Opfer eines Raubes werde. Geben heißt auch nicht, dass ich nur im Austausch für etwas anderes gebe – denn dann wäre Geben ohne zu Empfangen gleichbedeutend mit betrogen werden.
Und die Sache wird noch komplexer: Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Wer nur gibt und nie empfängt – der kann nicht glücklich werden. Das machte schon Karl Marx 1971 deutlich:
„Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, das heißt, wenn dein Lieben als Liebe nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch eine Lebensäußerung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“
Für den, der empfängt, aber nicht gibt, gilt übrigens das Gleiche. In diesem Zusammenhang formulierte Erich Fromm einst sehr passend, wie ich finde:
„Der Hortende, der ständig Angst hat, etwas zu verlieren, ist psychologisch gesehen ein armer Habenichts, ganz gleich, wie viel er besitzt.“
Liebe ist also ein Geben und ein Empfangen. Ist nur einer dieser Faktoren gegeben, dann ist sie unwiderruflich zum Scheitern verurteilt.