Einen Wahnsinnigen geliebt
Die Beleidigungen sind gar nicht mal so schlimm. Auch wenn du dir niemals hättest vorstellen können, dass ein erwachsener Mensch zu solch widerwärtigen Worten fähig ist. Es tut weh. Aber es ist kein herzzerschmetternder Schmerz. Denn du hast gelernt. Du hast Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Damit er dein kleines Herz niemals wieder in Stücke schlägt. Du hast einen Panzer um dein Herz gebaut. Hast es in Stein gemeißelt. Hast es in einen Käfig gesperrt. Und den Schlüssel für das Vorhängeschloss weggeschmissen. Nein, dein Herz wird er nicht mehr in Stücke reißen. Nie wieder.
Also hat er auf eine andere Stelle deines Körpers gezielt. Hat dir seinen Fuß in den Unterleib gerammt. Einmal, zweimal, immer wieder. Du hast dir nichts anmerken lassen. Hast versucht, stark zu bleiben. Erwachsen. Am liebsten hättest du ihn gefragt, was er da macht. Wie er so grausam sein kann. Er, von dem du einmal angenommen hast, dass er dich liebt. Dass er alles für dich aufgeben würde. Dass er bis an sein Lebensende mit dir zusammen sein möchte.
Am Anfang funktioniert es. Die Tritte prallen von dir ab. Du lässt dich nicht verletzen. Nicht von ihm. Nicht mehr.
Und dann passiert es. Irgendwann kannst du nicht mehr. Du brichst zusammen. Nicht heulend, nein. Du wirst nicht heulen. Du hast in der Vergangenheit zu viele Tränen um ihn geweint. Und als Schluss war, da hast du dir geschworen: Nie wieder! Du wirst nicht heulen. Nicht um ihn. Und du bist resolut in deinen Entscheidungen. Du ziehst dein Ding durch. Egal was ist.
Und jetzt liegst du da. Zusammengekrümmt. Auf dem Boden. Der Gentleman, den du einmal zu kennen geglaubt hast, wäre spätestens jetzt einen Schritt zurück getreten. Hätte es gut sein lassen. Aber der, der jetzt breitbeinig über dir steht, ist kein Gentleman. Nicht mehr. Er nimmt keine Rücksicht. Er hat alle seine Manieren über Bord geworfen. Er kennt nur noch eines: Hass. Und das Ziel seines Hasses bist du.
Er macht weiter. Er tritt zu. Schützend bedeckst du mit deinen Armen dein Gesicht. Ziehst die Beine zum Körper. Machst dich ganz klein. Er soll dich nicht berühren. Er soll dir nicht weh tun. Nicht schon wieder.
Und wie du zitternd auf dem Boden liegst, wird dir klar: Es ist nicht dein Kopf, den du schützen musst. Sondern dein Herz. Doch da ist es schon zu spät.
Er hat seinen nächsten Tritt gut platziert. Sehr gut platziert. Er trifft dich mitten ins Herz. Aber du hast dein Herz nicht umsonst geschützt. Er kann es nicht in tausend kleine Stücke zerschlagen, wie beim letzten Mal.
Er tritt so feste zu, dass sein Hass durch die Gitterstäbe deines Käfigs dringt, das Gestein sprengt und einen hässlichen Kratzer auf deinem Panzer hinterlässt. Du spürst die Erschütterung in deinem Herzen. Es tut weh. Und du hoffst, dass dein kleines Herz hält. Du hast es doch erst gerade wieder zusammengeflickt. In mühsamer Kleinarbeit hast du sechs Monate lang mit blutigen Händen die Scherben aufgesammelt. Und dir fest vorgenommen, von nun an besser aufzupassen.
Was schmerzt, sind nicht die Beleidigungen. Es sind nicht die falschen Anschuldigungen und leeren Vorwürfe. Was schmerzt, das ist die Einsicht. Die Einsicht, dass du einen Wahnsinnigen geliebt hast.
Man hatte dich vorgewarnt. Deine Mutter meinte damals, das könne nicht gut gehen. Deine Freunde baten dich darum, vorsichtig zu sein. Deine beste Freundin hat dir die Hand gedrückt und versprochen, für dich da zu sein – egal, was komme. Und sie hatten alle Recht.
Ich habe es ja damals selbst gemerkt. Das etwas nicht stimmt. Man sperrt einen Vogel nicht in einen goldenen Käfig. Auch wenn der Käfig noch so schön ist. Ein Vogel muss frei sein. Er muss sein Element spüren: die Luft. Er muss seine Flügel ausbreiten dürfen, um dann - den Aufwind nutzend - immer höher zu steigen. Er muss auf eine Felswand zuhalten dürfen, um ganz dicht vor dem Gestein hochzuschnellen, durch ein Felsentor zu zielen und wieder aufs Meer hinaus zu segeln, wo er dicht über der Wasseroberfläche gleitet, sich gegen den Wind stellt, aufsteigt, sich wieder abwärts gleiten lässt, nur um abermals die Geschwindigkeit zu erhöhen und emporzusteigen.
Jemand, der einen Vogel seiner Freiheit beraubt, der ist grausam. Das hätte ich damals erkennen sollen. Es gab Momente, in denen habe ich mich gewehrt. Bin gegen die Käfigstangen geflogen, immer und immer wieder. Ich wollte raus. Ich wollte endlich wieder atmen können. Ich wollte die Luft unter meinen Flügeln spüren. Ich wollte nicht mehr allein sein, eingesperrt sein. Und dann wieder war ich voll und ganz zufrieden in meinem goldenen Käfig. Nein, nicht zufrieden. Ich war glücklich. Ich habe den Luxus genossen. Den Luxus der Liebe.
Wie dumm ich doch gewesen bin. Ich habe einen Lügner geliebt. Er hat mir versprochen, dass er mir nie wieder weh tun wird. Er hat mir versprochen, dass ich nie wieder um ihn weinen werde. Er hat mir versprochen, dass er sein Leben mit mir verbringen möchte. Doch es geht immer nur eins: Versprechen oder halten.