Die Ruhe selbst

Veröffentlicht auf von das-gestiefelte-maedchen

Er nimmt den Plastikkarton Traubensaft in die Hand, dreht ihn herum, examiniert ihn von allen Seiten, hält ihn schließlich ans Ohr und schüttelt ihn. Seine Augen sind halb geschlossen, sein Gehör vollends auf das leise Wellenschlagen der süßen Flüssigkeit im rechteckigen Behälter konzentriert. Dann öffnen sich seine Augen, ein letztes Mal dreht er den Saftkarton in den Händen, bevor er ihn sanft, beinahe liebevoll, über den roten Scanstreifen zieht und zur metallenen Ablage hinuntergleiten lässt. Erst, als der Behälter sicher sein Ziel erreicht hat, widmet er sich dem nächsten Produkt zu, nimmt es in die Hand, dreht es, fühlt das Material, betrachtet jeden Zentimeter.

 

Was ich soeben beschrieben habe, meine Damen und Herren, ist nicht etwa die Arbeit eines außergewöhnlichen Spezialisten in einem Arbeitsfeld, das so exotisch ist, dass es gewöhnlichen Leuten, wie Sie und ich es sind, fremd ist. Vielmehr begegne ich diesem leidenschaftlichen Arbeitnehmer fast täglich in einem ganz normalen Arbeitsumfeld – an der Kasse im Supermarkt.

 

Litauische Kassierer sind eine Spezies für sich – ruhig, gelassen, verträumt. Verglichen mit den deutschen Kassierern bei Aldi, Lidl und Co könnte man sie für wahre Schlafmützen halten. Sie lassen sich Zeit und wahrlich nichts kann sie aus der Ruhe bringen. Dafür treiben sie mich jedes Mal in den Wahnsinn.

 

Neulich, als ich meine Einkäufe tätigte, fragte mich der Kassierer nach meiner ID-Card. Grund war eine Flasche billiger, süßer Weißwein. Ich hielt ihm meine Internationale Studentenkarte vor die Nase, die ich, um den Prozess des Bezahlens zu beschleunigen, wohlwissendlich bereits fünf Minuten zuvor aus meinem Portmonee gefischt hatte. Der Kassierer nahm die Karte an sich, drehte sie behutsam in seinen Händen, begutachtete das kleine Passfoto, dann schaute er mich an, bevor sein Blick wieder auf die Karte in seinen Händen fiel. Schließlich schüttelte er den Kopf und meinte: „No, ID.“

Jesus Christ, das kann doch nicht wahr sein! Ich nahm die ISIC-Karte wieder an mich, kramte nach meinem Personalausweis und hielt ihm dem Kassierer vor die Nase. Wieder nahm der die Karte an sich, betrachtete sie eingehend, drehte sie hin und her, schaute mich an, verglich mein Profil mit dem Foto (auf dem ich übrigens dreimal dicker aussehe), und grinste schließlich groß wie ein Breitmaulfrosch. „Hahaha, photo, hahaha“, sagte er, laut genug, dass auch alle in der Schlange wartenden Kunden ihn hören konnten, während er meinen Perso mit dem schrecklichen Passfoto für alle gut sichtbar in die Höhe hielt und mit dem anderen Finger darauf zeigte.

 

Immerhin prangt nicht mehr mein altes Foto auf meinem Perso. Da sehe ich nämlich wie eine kiffende Wasserleiche aus, wirklich: Die Augen halb geschlossen, die Haut totenbleich, und die Haare zu dunkel. Grässlich. Aber Passfotos waren eben noch nie mein Fall.

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