Gemein sein ist leicht

Veröffentlicht auf von das-gestiefelte-maedchen

http://us.123rf.com/400wm/400/400/anobis/anobis1008/anobis100800093/7585323-eine-nat-rliche-alten-texturierte-ritter-r-stung.jpgIch bin oft gemein. Nicht zu den Menschen, die ich nicht leiden kann. Sondern zu den Menschen, die ich mag. Und je wichtiger mir jemand ist, desto leichter fällt es mir, gemein zu dieser Person zu sein.

 

Ist das nicht paradox? Gerade diese Person, die mir doch so sehr ans Herz gewachsen ist, die mir so unglaublich viel, ja, vielleicht sogar die Welt bedeutet – diese Person hat meine Wut und meinen Hass am wenigsten verdient. Und dennoch ist gerade sie das Zielobjekt meiner Gemeinheiten, das Ventil, allen Ärger lasse ich an ihr und nur an ihr aus. Warum?

 

Vielleicht behandeln wir Menschen, die uns nahe stehen, ungerecht, um uns selbst zu schützen.

 

Denn wer liebt, der ist verletzlich. Derjenige, der sich offen zu seinen positiven Gefühlen jemandem gegenüber bekennt, offenbart damit gleichzeitig eine große Schwachstelle. Es ist, als öffne man seinen Panzer und trete der anderen Person mit entblößter Brust und unbewaffnet im Schwertkampf entgegen. Dann gibt es für diese andere Person zwei Möglichkeiten: Entweder sie erwidert das Gefühl der Zuneigung und legt die Waffen nieder, oder aber sie holt zum finalen Todesstoß aus und rammt das Schwert in das nun ungeschützte Herz.

 

Wer will schon ein Risiko eingehen? Ist es nicht normal, dass man sich schützen möchte? Dass man nicht bereitwillig bei den ersten tollkühnen Schmetterlingen im Bauch die schützende Rüstung ablegt? Dass man sich vorher ganz sicher sein möchte, bevor man sich öffnet? Sich öffnen – das erfordert jede Menge Mut und viel Vertrauen. Und das ist nicht einfach.

 

Gemein sein dagegen, das ist viel leichter. Gemein sein erfordert keinen Mut, kein Vertrauen. Es erfordert nur Angst. Angst sich zu öffnen. Angst verletzt zu werden. Angst vor dem Fremden, vor Gefühlen, die man nicht kennt. Und deshalb verschließt man sich, lässt niemanden an sich heran, trägt Rüstung und Schwert, errichtet Mauern und Barrikaden um sich herum und verschanzt sich in seiner uneinnehmbaren Festung.

 

Ja, gemein sein, das ist leicht. Viel leichter, als zu lieben.

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