Plötzlich Funkstille

Veröffentlicht auf von das-gestiefelte-maedchen

Er war immer da. Der beste Freund. Vielleicht kannte man ihn noch aus der Schulzeit, hat die Ausbildung oder das Studium mit ihm verbracht, ist gemeinsam erwachsen geworden. Man hat zusammen gefeiert, vor Lachen geweint und vor Glück auch. Ob Kummer auf der Arbeit oder im Privatleben, er hat seine starke Schulter zum Anlehnen angeboten, Tee gekocht, einem die Hand gedrückt, war Zuhörer und Trostpflaster. Man hat zusammen angestoßen, auf gute wie auf schlechte Zeiten.

 

Dann bricht der Kontakt von einem auf den anderen Tag ab. Was folgt, ist eisernes Schweigen.

 

Am Anfang fällt es gar nicht so auf, das etwas nicht stimmt. Er hat viel zu tun, die Arbeit stresst ihn, einen selbst ja auch. Irgendwann ist das Schweigen nicht mehr zu überhören. Dutzende Male wählt man seine Nummer, erst aus Gewohnheit, dann aus Sorge, schließlich aus Wut. Man bittet um eine Erklärung, hofft auf einen Hinweis, sucht eine Antwort. In seinem Kopf spult man die letzten Wochen vor und zurück und durchforstet seine Erinnerungen nach zu ernst genommenen Diskussionen, falsch verstandenen Scherzen, möglichen Missverständnissen.

 

Panik, Hilflosigkeit und Ohnmacht haben längst von einem Besitz ergriffen. Man fürchtet, verrückt zu werden. Schreibt SMS, ruft auf dem Handy an, probiert es auf dem Festnetz, schickt E-Mails und Facebook-Nachrichten, hinterlässt Mitteilungen auf dem AB und im Briefkasten.

 

Schließlich probiert man es mit unterdrückter Nummer. Und stellt ihn zur Rede. „Wir können das irgendwann klären. Aber nicht jetzt und nicht heute.“ Das ist alles, was er sagt. Kein Wort zu den vielen SMS. Kein Wort zu den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Kein Wort dazu, was vorgefallen ist.

 

Und obwohl er nicht mehr da ist, beherrscht er deine Gedanken und lässt dir keine Ruhe. Du dachtest, du würdest diesen Mann kennen. Du dachtest, er sei dein bester Freund. Nur um festzustellen, dass du all die Jahre einen Fremden geliebt hast.

 

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